Manchmal reicht ein einziger Moment – ein Satz, ein Blick, ein Schluck zu viel – und das Leben kippt in eine Richtung, die man nie geplant hatte. Wo das Paradies beginnt von Renata Petry beginnt genau so: mit Warmbier, Eigensinn – und einem Schwur, den man später am liebsten zurückholen würde.
Wir sind im Februar 1194, in Visby auf Gotland. Der junge Kaufmann Jon Skata ist nicht irgendein Held, der von Anfang an „berufen“ wirkt. Er ist einer von uns: ehrgeizig, verliebt, ein bisschen stolz. Und er gerät mit seinem künftigen Schwiegervater aneinander. Was dann folgt, ist kein harmloses Versprechen, sondern eine Wette auf das eigene Leben: Jon will zum Paradies reisen, um die Hand seiner Verlobten zu bekommen – dorthin, wo man es im Mittelalter nicht nur erträumte, sondern auf Karten verzeichnete: an den Ursprung von Euphrat und Tigris.
Ein mittelalterlicher Roadtrip – von Gotland bis Mesopotamien

Das Besondere an diesem historischen Abenteuerroman ist die Bewegung. Keine Hofintrige, die sich über 300 Seiten in Korridoren abspielt – sondern ein echtes Unterwegssein: Visby, Deutschland mit Schwerpunkt Regensburg, weiter nach Österreich (Innsbruck), dann Venedig, Akkon, Antiochia und schließlich der Vorderen Orient bis nach Mesopotamien. Diese Route ist nicht Kulisse, sie ist Motor: Jede Etappe bringt neue Regeln, neue Gefahren, neue Versuchungen – und immer wieder das drängende Gefühl, dass „Stillstand keine Option“ ist.
Bis Regensburg wirkt alles noch machbar. Doch dann kreuzt Matti den Weg – ein junger Bursche, der sich sehr schnell als Matilda von Elster entpuppt: eine junge Frau in Verkleidung, auf der Flucht vor einer Zwangsverheiratung und mit eigenen, riskanten Gründen, ins Heilige Land zu gelangen. Jon nimmt sie mit, gegen Palus ausdrücklichen Widerstand. Und damit beginnt die zweite große Spannungsebene: die ständige Angst, dass Mattis Tarnung auffliegt – und die wachsende Unruhe, dass ihre Verfolger näher sind, als man denkt.
Verfolger, Intrigen und ein Auftrag, der alles schwerer macht
In Venedig wird aus der Flucht ein Wettlauf. Denn Matti ist in etwas verwickelt, das größer ist als persönliche Familienkonflikte: in den sogenannten Stahleck-Skandal rund um die Stauferzeit. Plötzlich sind es nicht mehr nur empörte Verwandte, sondern Häscher aus dem Umfeld der Herrschaft, die ihnen im Nacken sitzen. Jede Begegnung kann zur Falle werden, jedes zu lange Zögern zum Fehler.
Und als wäre das nicht genug, wartet in Akkon ein Auftrag, der den Roman endgültig in die Sphäre der großen Geschichte hebt: Jon soll die Gebeine von Kaiser Friedrich Barbarossa nach Jerusalem bringen. Aus einem Liebesschwur wird damit eine Mission zwischen Kreuzzugswirren, Politik und Glauben. Man spürt hier, wie der Roman den „Roadtrip“ mit dem Gewicht der Epoche auflädt – ohne den Schwung zu verlieren. Wer „Akkon 12. Jahrhundert“ liest, bekommt nicht Lehrbuch, sondern Szene: Hafenluft, Spannung, Entscheidungen in Sekunden.
Warum die Suche nach dem Paradies so fesselnd ist
Das Paradies ist hier nicht nur ein Wort. Es ist ein Ort, ein Versprechen, ein Sog. Im Autoreninterview mit dem Verleger erklärt Renata Petry, warum diese Reise zwangsläufig mehr als Geografie ist: „Die Mystik, die mit dem Begriff des Paradieses oder des Garten Eden verbunden ist, überstrahlt die ganze Reise.“ Genau das passiert im Roman: Während Jon und seine Gefährten durch Städte, Häfen und Grenzräume hetzen, läuft im Hintergrund eine zweite Reise – eine mentale, eine existenzielle.
Wenn Sie sich für die emotionale Seite solcher Geschichten begeistern – für Sehnsucht nach Abenteuer und Sinnsuche in Reisegeschichten – dann ist „Wo das Paradies beginnt“ fast schon ein Musterbeispiel: Das Ziel lockt, aber der Weg verwandelt. Jon will würdig sein. Matti will frei sein. Palu will eigentlich nur überleben – und wird trotzdem hineingezogen. Und genau darin liegt diese unwiderstehliche Dynamik, die einen „nur noch ein Kapitel“ sagen lässt.
Ein Ende, das mehr als nur ein Ziel erreicht

Ohne zu viel vorwegzunehmen: Diese Reise findet ein Ende, das sich nicht wie „Ankunft“ anfühlt, sondern wie Belohnung nach echter Bewährung. Der Roman spielt klug mit der mittelalterlichen Idee, dass die Welt „lesbar“ ist – dass Karten noch Versprechen sind und der Garten Eden tatsächlich irgendwo wartet. Und selbst wenn das Paradies am Ende mehr ist als ein Punkt auf der Landkarte, bleibt das Abenteuer greifbar: Verfolgung, Rettung, überraschende Verbündete – und ein Finale, das in mehr als einer Hinsicht „gut“ endet.
Wenn man nach einem historischen Roman Mittelalter sucht, der Kreuzzug, Handelswege, Humor, Gefahr und Gefühl zusammenbringt, ist dieser Auftakt zu „Jon Skatas erster Reise“ ein echter Volltreffer. Und man merkt an vielen Stellen: Hier schreibt jemand, der das Mittelalter nicht nur als Kulisse nutzt, sondern als lebendige Welt. Genau das macht den Sog aus, den Renata Petry entfaltet – bis man am Ende dasteht und denkt: Gut, und wohin geht es als Nächstes?
Hinweis: Das Buch ist als gedruckte, also kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-85-4) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-86-1) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.
