Es gibt Figuren, die man nicht einfach „begleitet“, sondern denen man unweigerlich näherkommt – weil sie einem den Blick nicht erlauben, bequem zu bleiben. Das Mädchen aus den Träumen ist der erste Band der Rheinland-Saga aus der Feder von Günter Krieger, und sein eigentliches Zentrum trägt einen schlichten Namen: Eva.
Man könnte sagen, sie sei „das Mädchen aus den Träumen“. Doch schon nach wenigen Seiten merkt man, wie falsch diese Bezeichnung klingt, sobald sie auf Fleisch und Leben trifft. Träume sind weich, flüchtig, folgenlos. Eva ist das Gegenteil: Sie wird in eine Realität gestoßen, die hart ist, unerbittlich und sozial präzise organisiert. Der Roman beginnt in einer Zeit, in der Krieg nicht nur auf Schlachtfeldern stattfindet, sondern im Alltag – in Gasthäusern, auf Straßen, in Häusern, in Blicken. Und Eva ist eine Frau, die in dieser Welt nicht einfach überlebt, sondern sich Schritt für Schritt eine Zukunft abringt.
Eva: Keine Heldin, sondern eine Überlebende
Was Eva so stark macht, ist nicht Unverletzlichkeit. Im Gegenteil: Ihre Verletzung ist die offene Wunde, um die alles kreist. Als Jülich eingenommen wird, ereignet sich im Wirtshaus „Zum Löwen“ eine Tat, die ihr Leben bricht und zugleich in Bewegung setzt. Der Roman macht daraus keinen sensationellen Schockeffekt, sondern einen Ursprung, der nachwirkt – in Scham, in Gerüchten, in der Art, wie eine Gemeinschaft ihr das Menschsein abspricht. Wer nach einem „starken Frauen“-Klischee sucht, wird enttäuscht sein; wer eine Figur sucht, die in einem Mittelalterroman glaubwürdig wächst, bleibt umso eher.
Denn Eva wird nicht gerettet. Sie wird auch nicht „aufgehoben“ von einer erzählerischen Hand, die alles wieder geradebiegt. Sie muss Entscheidungen treffen, obwohl sie kaum Handlungsspielraum hat. Und sie muss es in einer mittelalterlichen Gesellschaft tun, in der ein Frauenleben schnell durch Zuschreibungen definiert wird. Ihre Stärke liegt in der Fähigkeit, sich nicht festnageln zu lassen – weder von der Gewalt noch vom Urteil anderer.
Die Stadt verstummt – und das Dorf wird zur Prüfung
Nachdem Eva ihren Vater verliert und ihr Verlobter sie verlässt, kippt Jülich als Ort. Nicht, weil Mauern einstürzen, sondern weil die Blicke sich verändern. Der „Löwe“, den sie weiterführt, wird gemieden; sie wird zum Gesprächsstoff, zur Legende, zur Warnung – und das ist vielleicht eine der bittersten Wahrheiten dieses Romans: Die eigentliche Brutalität liegt nicht nur in der Tat, sondern im langen Nachspiel der gesellschaftlichen Ächtung.
Als Eva merkt, dass sie schwanger ist, trifft sie eine Konsequenz, die zugleich Abschied und Aufbruch ist: Sie verkauft, bringt ihr Kind zur Welt und verlässt die Stadt. Der Roman öffnet sich nun in die Landschaft, und mit diesem Wechsel verändert sich auch die Art, wie Eva kämpfen muss. Auf einem Hof bei Weisweiler lernt sie den Alltag der Bauern kennen – nicht idyllisch, sondern fordernd, körperlich, oft demütigend. Später wird Merode zur entscheidenden Station: Dort nimmt der verwitwete Bauer Winand sie auf. Aber auch dort wartet kein Märchen. Eine zänkische Schwester, ein lüsterner Knecht, die soziale Rangordnung des Dorfes – Eva bleibt Beobachtungsobjekt, bleibt gefährdet, bleibt angreifbar.
Und doch: Hier beginnt etwas, das man vorsichtig Hoffnung nennen darf. Keine glatte Erlösung, sondern ein Leben, das sich trotz allem wieder füllt. Wer den historischen Rahmen und die politischen Verwerfungen dahinter stärker verstehen möchte, findet dazu einen eigenen Blick im Beitrag über den historischen Hintergrund im mittelalterlichen Rheinland.
„Sich neu erfinden“ – ohne die Wunde zu verleugnen
Im Interview des Autors mit dem Verleger fällt ein Satz, der Evas Figur fast wie eine leise Poetik erklärt – und zugleich zeigt, wie bewusst Krieger an ihr gearbeitet hat. Er sagt: „Wichtig aber ist mir darzustellen, dass das Mittelalter kein Ponyhof war.“ Genau das spürt man in Evas Weg. Sie wird nicht zur modernen Heldin umetikettiert, sondern bleibt eine Frau ihrer Zeit, die sich in den engen Möglichkeiten behauptet, die ihr zugestanden werden.
Entscheidend ist auch, dass Eva nicht nur Leid „abbekommt“, sondern eine innere Bewegung behält. Sie lernt, Grenzen zu ziehen. Sie lernt, den Blick der anderen auszuhalten, ohne sich vollständig von ihm definieren zu lassen. Und sie lernt, dass Mutterschaft im Mittelalter nicht sentimentales Beiwerk ist, sondern existenzieller Ernst. Hier wird die Rheinland-Saga zur Familiensaga im stärksten Sinn: Das Kind ist nicht nur Folge, sondern Zukunft – und damit auch eine offene Frage an alles, was noch kommt.
Warum Eva die Trägerfigur der Rheinland-Saga ist
Man könnte den Roman leicht als Geschichte eines reuigen Mannes erzählen. Aber das wäre die falsche Perspektive. Martins Schuld ist zentral, ja – doch Evas Leben ist der Raum, in dem diese Schuld wirklich Bedeutung bekommt. Denn sie ist es, die die Konsequenzen tragen muss, die weitergehen muss, die eine Gesellschaft gegen sich stehen hat und dennoch nicht verstummt. Das macht sie zur eigentlichen Trägerfigur dieses ersten Bandes der Rheinland-Saga: nicht, weil sie „perfekt“ wäre, sondern weil sie menschlich bleibt – mit Angst, mit Trotz, mit Sehnsucht nach Ruhe, die es in dieser Zeit kaum gibt.
Wer „Das Mädchen aus den Träumen“ liest, liest also nicht nur einen historischen Roman aus dem Rheinland, sondern auch die Geschichte einer Frau, die sich unter widrigsten Umständen ein neues Leben abtrotzt – und damit den Ton für alles setzt, was diese Saga noch erzählen wird. Gerade deshalb wirkt der Auftakt so lange nach: weil Eva nicht verschwindet, sondern bleibt. Und weil man nach der letzten Seite versteht, dass Günter Krieger diese Rheinland-Saga nicht als Dekor schreibt, sondern als Schicksalsraum – und Eva darin als Herzschlag.
Das Buch ist als gedruckte, also kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-83-0) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-84-7) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.
