Manche Romanfiguren bleiben im Gedächtnis, weil sie ihrer Zeit voraus zu sein scheinen – interessanter sind jedoch oft jene, die innerhalb ihrer Zeit um Möglichkeiten ringen. In Was gestern noch galt stellt Gabriele Bagge mit Sophia eine Frau ins Zentrum, die Ehefrau und Mutter ist, zugleich aber eigene Vorstellungen davon entwickelt, wie sie leben und arbeiten möchte.
Ein eigenes Leben innerhalb enger Grenzen
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist Sophias Lebensweg von gesellschaftlichen Erwartungen geprägt. Ihre Ehe mit Anton Auling bedeutet Sicherheit und Zugehörigkeit, bringt aber zugleich Verpflichtungen mit sich. Anton baut sich nach seiner Meisterprüfung eine Existenz als Goldschmied auf, während Sophia keineswegs nur danebenstehen möchte. Sie interessiert sich für das Handwerk und träumt davon, selbst entworfenen Haarschmuck herzustellen und zu verkaufen.
Was heute selbstverständlich erscheinen mag, berührt für Sophia eine grundlegende Frage: Darf eine verheiratete Frau eigene wirtschaftliche Vorstellungen entwickeln? Ihr Wunsch nach Arbeit bedeutet nicht, dass sie Familie und Ehe ablehnt. Gerade diese Gleichzeitigkeit macht die Figur glaubwürdig. Sophia möchte verbunden sein, ohne sich vollständig auf die Rolle festlegen zu lassen, die andere für sie vorgesehen haben.
Zwischen Werkstatt, Familie und Mutterschaft
Der Roman zeichnet das Leben einer Frau um 1800 nicht als einfachen Kampf zwischen Unterdrückung und Freiheit. Sophias Alltag ist komplizierter. Schwangerschaften und Mutterschaft, Haushalt und familiäre Verantwortung stehen neben ihrem Wunsch nach eigener Arbeit. Hinzu kommen wirtschaftliche Sorgen, denn die Goldschmiedewerkstatt muss eine Familie ernähren, während Krieg und Not die Nachfrage nach kostbaren Waren einbrechen lassen.
Gerade das Goldschmiedehandwerk eröffnet dabei eine interessante Perspektive. Sophia bewegt sich in einer Welt, in der Zünfte, Meisterrechte und überlieferte Regeln darüber bestimmen, wer einen Beruf ausüben und eine wirtschaftliche Existenz aufbauen darf. Wer mehr über diese Bedingungen erfahren möchte, findet in unserem Beitrag über Vechta 1803 und die napoleonische Zeit den historischen Hintergrund, vor dem sich Sophias Geschichte entwickelt.
Keine Heldin aus unserer Zeit
Das Faszinierende an Sophia liegt gerade darin, dass sie nicht wie eine moderne Frau wirkt, die lediglich in ein historisches Kostüm gesteckt wurde. Sie ist Teil ihrer Gesellschaft und ihrer Vorstellungen – und stößt dennoch immer wieder an deren Grenzen. Sie interessiert sich dafür, was politisch geschieht, sucht den Austausch mit anderen und versucht, dort selbst tätig zu werden, wo sich Handlungsmöglichkeiten eröffnen.
Im Interview mit ihrem Verleger bringt Gabriele Bagge einen Grundgedanken ihres Erzählens auf den Punkt: „Politische Ereignisse und Entscheidungen wirken sich immer auf jeden Einzelnen aus.“ Bei Sophia lässt sich genau das beobachten. Herrschaftswechsel, französische Truppen, wirtschaftliche Not oder Hunger bleiben keine Kulisse. Sie verändern ihre Möglichkeiten als Ehefrau, Mutter und Frau eines Handwerkers unmittelbar.
Eine Frau voller Widersprüche
Sophia gewinnt ihre Stärke nicht dadurch, dass sie immer das Richtige tut. Sie hat Wünsche, zweifelt, liebt, widerspricht und gerät in Konflikte. Auch ihre Gefühle lassen sich nicht vollständig in die Ordnung eines bereits vorgezeichneten Lebens einpassen. Gerade deshalb wird aus ihr mehr als eine Projektionsfläche für das Schlagwort „starke Frauen im historischen Roman“.
Der Leser begegnet vielmehr einer Frau, die versucht, zwischen persönlichen Sehnsüchten und Verantwortung ihren eigenen Weg zu finden. Ihre Geschichte wirft damit Fragen auf, die den historischen Abstand von mehr als zweihundert Jahren erstaunlich klein werden lassen: Wie viel Eigenständigkeit braucht ein Mensch innerhalb einer Partnerschaft? Was geschieht, wenn persönliche Wünsche mit familiären Verpflichtungen kollidieren? Und wie bewahrt man sich einen eigenen Handlungsspielraum, wenn die äußeren Umstände immer enger werden?
Familiengeschichte bekommt ein Gesicht
Hinzu kommt eine Besonderheit, die Sophia von vielen historischen Romanfiguren unterscheidet: Hinter ihr steht eine reale Familiengeschichte. Sie gehört zu den Vorfahren der Autorin. Dadurch erhält die Annäherung an ihr Leben eine besondere Perspektive. Gabriele Bagge erzählt nicht nur von einer Frau aus einer vergangenen Epoche, sondern nähert sich literarisch einem Menschen aus der eigenen Familiengeschichte – mit den Hoffnungen, Bindungen und Widersprüchen, die aus einem Namen in der Vergangenheit wieder eine Persönlichkeit werden lassen.
Das Buch ist als gedruckte, kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-87-8) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-88-5) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.
