Syrien Roman

Zwischen Damaskus und Wien: Ein Leben im Labyrinth der Geschichte

Manche Romane beginnen mit einem Ereignis. Andere beginnen mit einem Verlust, der längst geschehen ist und doch niemals wirklich vergangen scheint. Labyrinth der verwaisten Wünsche von Samer Al Najjar gehört zur zweiten Art: Ein junger Mann sucht seinen Platz in einer Welt, die ihm immer wieder das nimmt, woran er sich zu halten versucht. Seine Geschichte führt von Damaskus über Revolution, Krieg und Flucht bis nach Wien – und zugleich tief hinein in Erinnerungen, Verletzungen und die Hoffnung, dennoch noch einmal beginnen zu können.

Ein Haus in Damaskus, das nur noch in der Erinnerung existiert

Samer Al Najjar – Autor von Labyrinth der verwaisten Wünsche

Am Anfang steht die Erinnerung an ein traditionelles Damaszener Haus: viele Räume, große Fenster, ein halboffener Innenhof und ein Wasserbecken, in dem im Sommer Obst gekühlt wurde. Es ist das Haus des Großvaters – ein Ort der Geborgenheit und zugleich ein Sinnbild für eine verlorene Welt. In der Wirklichkeit ist diese Idylle zerstört. Im Roman aber kann sie weiterleben.

Genau darin liegt eine der besonderen Stärken des Buches. Damaskus ist nicht bloß die Kulisse eines Romans über Syrien. Die Stadt wird zum Speicher persönlicher Erinnerung. Straßen, Häuser, Familienbeziehungen und politische Ereignisse verbinden sich mit Adams Innenleben. Was draußen geschieht, hinterlässt Spuren in ihm – und was früher geschehen ist, wirkt in seine Gegenwart hinein.

Als aus Hoffnung Geschichte wird

Adam hat früh erfahren, wie unsicher Nähe sein kann. Seine Eltern sterben bei einem Autounfall, anschließend wächst er im Haus seines Onkels auf und erlebt emotionale Misshandlung und Schikanen. Als 2011 die syrische Revolution beginnt, eröffnet sich ihm plötzlich etwas, das größer erscheint als sein eigenes beschädigtes Leben: die Vorstellung von Freiheit.

Der junge Mann schließt sich friedlichen Protesten an und tritt für Demokratie und Freiheitsrechte ein. Revolution bedeutet für ihn deshalb mehr als Politik. Sie gibt ihm Richtung, Sinn und das Gefühl, Teil von etwas zu sein. Gerade darin wird Labyrinth der verwaisten Wünsche zu einem psychologisch ungewöhnlichen Roman über die syrische Revolution: Politische Hoffnung und persönliche Sehnsucht lassen sich bei Adam kaum voneinander trennen.

Im Interview beschreibt Samer Al Najjar diesen Gedanken sehr deutlich: „Ich träume jeden Tag von einem freien, demokratischen Syrien, das von seiner eigenen Bevölkerung geliebt wird, wie sie sich selbst liebt.“ – Samer Al Najjar im Autoreninterview mit dem Verleger, Februar 2023.

Flucht bedeutet nicht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen

Doch die Hoffnung schlägt in Verfolgung und Gewalt um. Nachdem Adam 2013 die Giftgasangriffe von Ghouta bei Damaskus erlebt, führt sein Weg zunächst in die Türkei und schließlich nach Europa. Wer hier eine geradlinige Fluchtgeschichte erwartet, wird allerdings etwas anderes finden. Denn die geografische Entfernung von Syrien beendet Adams inneren Konflikt nicht.

Er trägt seine Kindheit, seine Verluste und seine Kriegserfahrungen mit sich. Erinnerungen brechen unvermittelt in die Gegenwart ein. Damit erzählt der Roman nicht nur von Flucht und Migration, sondern von der viel schwierigeren Frage, was ein Mensch tatsächlich zurücklassen kann. Die äußere Heimat geht verloren – doch eine innere Heimat ist für Adam schon viel früher unsicher geworden.

Diese Verbindung führt zu einem der stärksten Motive des Romans: der Suche nach Heimat und Zugehörigkeit. Adam sucht Halt in politischen Idealen, Erinnerungen, philosophischen Gedanken und Beziehungen. Immer wieder hofft er, irgendwo oder bei jemandem bleiben zu dürfen.

Wien ist kein Ende, sondern eine neue Prüfung

In Wien scheint zunächst ein neues Leben möglich. Doch dort erreicht Adam eine Nachricht, die ihn erneut erschüttert: Darin, seine Cousine und Kindheitsliebe, ist gestorben. Die Vergangenheit, vor der kein Zug und keine Grenze schützt, holt ihn ein. Adam gerät in eine schwere psychische Krise.

Gerade hier verweigert sich der Roman einer einfachen Erzählung vom „Ankommen“. Flucht endet nicht automatisch mit Sicherheit, und Sicherheit bedeutet noch lange keine innere Ruhe. Samer Al Najjar interessiert sich für jene unsichtbaren Folgen von Krieg, Gewalt und Entwurzelung, die in öffentlichen Diskussionen über Geflüchtete leicht hinter Zahlen und politischen Begriffen verschwinden.

Und wenn am Ende doch die Liebe bleibt?

Buchcover Labyrinth der verwaisten Wünsche von Samer Al Najjar

Und dennoch bleibt etwas offen. In Wien begegnet Adam einer jungen Syrerin. Liebe erscheint plötzlich als letzte Möglichkeit, wieder Bindung herzustellen – vielleicht sogar als Gegenentwurf zu all den Verlusten zuvor. Der Roman entscheidet diese Frage nicht für den Leser. Sein Ende bewahrt jene Unsicherheit, die schon im Titel steckt: Wünsche können verwaisen, aber sie verschwinden deshalb noch nicht.

So ist Labyrinth der verwaisten Wünsche weit mehr als ein Flüchtlingsroman über Syrien. Es ist die Geschichte eines jungen Menschen, dessen private Verletzungen mit einem historischen Umbruch zusammenfallen. Zwischen Damaskus und Wien erzählt Samer Al Najjar von Revolution und Krieg, von Erinnerung und Entwurzelung – vor allem aber davon, wie beharrlich ein Mensch nach Freiheit, Liebe und einem Ort sucht, den er Heimat nennen kann.

Das Buch ist als gedruckte, kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-08-3) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-16-8) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.

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