Liebe und Migration

Wenn Heimat kein Ort mehr ist: Von der Sehnsucht, irgendwo bleiben zu dürfen

Heimat ist für viele Menschen zunächst etwas Selbstverständliches: ein Ort, vertraute Stimmen, bestimmte Gerüche, Menschen, bei denen man nicht erklären muss, wer man ist. In Labyrinth der verwaisten Wünsche von Samer Al Najjar wird genau diese Selbstverständlichkeit Schritt für Schritt erschüttert. Hinter der Geschichte eines jungen Syrers steht deshalb eine Frage, die weit über Krieg und Flucht hinausreicht: Was braucht ein Mensch, um sich irgendwo – und bei jemandem – zu Hause fühlen zu können?

Heimat beginnt lange vor einer Landesgrenze

Lesung zu Labyrinth der verwaisten Wünsche von Samer Al Najjar

Adam verliert seine Heimat nicht erst, als er Syrien verlässt. Seine innere Heimatlosigkeit beginnt viel früher. Nach dem Tod seiner Eltern wächst er im Haus seines Onkels auf, doch dort findet er nicht jene verlässliche Geborgenheit, die ein Kind eigentlich schützen sollte. Emotionale Misshandlung und Schikanen hinterlassen früh das Gefühl, dass Nähe unsicher sein kann.

Gerade dadurch erhält der spätere Heimatverlust eine zweite Ebene. Als Revolution, Krieg und Flucht Adam schließlich auch den geografischen Ort nehmen, an dem er aufgewachsen ist, trifft die äußere Entwurzelung auf eine längst vorhandene innere Unsicherheit. Der Roman verbindet damit auf bemerkenswerte Weise Heimatverlust und psychische Entwurzelung.

Die Sehnsucht, irgendwo dazugehören zu dürfen

Menschen brauchen mehr als ein Dach über dem Kopf. Sie brauchen Beziehungen, Vertrauen und die Erfahrung, angenommen zu sein. Genau danach sucht Adam immer wieder: im Großvater und den Erinnerungen an seine Kindheit, in politischen Idealen, in Freundschaften, in Büchern und philosophischen Gedanken – und schließlich in der Liebe.

Auch die syrische Revolution wird deshalb für ihn zu mehr als einem politischen Ereignis. Sie verspricht Gemeinschaft und Sinn. Plötzlich gibt es eine Vorstellung von Zukunft, an die er sich binden kann: ein freies Syrien. Im Interview beschreibt der Autor diese innere Verbindung ausdrücklich: „Adam gelingt es nicht, sich von diesem Traum zu lösen, weil sein Leben vor der Revolution sinnlos war.“ – Samer Al Najjar im Autoreninterview mit dem Verleger, Februar 2023.

Der politische Traum übernimmt damit beinahe die Funktion einer verlorenen Heimat. Adam gehört zu etwas, glaubt an etwas, hofft gemeinsam mit anderen. Gerade deshalb wiegt die Zerstörung dieser Hoffnung so schwer.

Was nimmt ein Mensch mit, wenn er flieht?

Eine Flucht lässt sich auf einer Landkarte nachzeichnen. Innere Entwurzelung nicht. Adam erreicht nach einem langen Weg Wien, doch die Entfernung zu Damaskus schafft keine Entfernung zu seinen Erinnerungen. Vergangenes drängt sich in seine Gegenwart, Verluste wirken weiter, Beziehungen bleiben von der Angst geprägt, erneut verlassen zu werden.

Wer Adams Entwicklung genauer betrachtet, erkennt, wie eng die psychologischen Folgen von Trauma, Flucht und Verlust miteinander verbunden sind. Sicherheit lässt sich organisieren, Zugehörigkeit dagegen nicht. Man kann in einem sicheren Land leben und sich dennoch heimatlos fühlen.

Kann ein Mensch selbst zur Heimat werden?

Damit führt der Roman zu einer besonders intimen Frage: Muss Heimat überhaupt ein Ort sein? Vielleicht kann sie auch ein Mensch sein. In Adams Beziehungen liegt immer wieder die Hoffnung, endlich jemanden zu finden, bei dem das Fortgehen aufhört. Doch gerade wer Verlust so früh erfahren hat, erlebt Nähe nicht nur als Trost, sondern auch als Risiko.

Die Liebe wird deshalb nicht zur einfachen romantischen Lösung. Sie bietet eine Möglichkeit, aber keine Garantie. Das offene Ende des Romans bewahrt diese Spannung. Hoffnung ist vorhanden – doch sie bleibt zerbrechlich.

Ein Roman über ein universelles Bedürfnis

Buchcover Labyrinth der verwaisten Wünsche

Gerade hier überschreitet Labyrinth der verwaisten Wünsche die Grenzen eines klassischen Romans über Flucht aus Syrien. Adams Lebensgeschichte ist historisch und geografisch konkret, doch die zugrunde liegende Sehnsucht kennt fast jeder Mensch: geliebt zu werden, irgendwo dazuzugehören und einen Ort oder Menschen zu finden, bei dem man bleiben darf. Heimat, Zugehörigkeit, Geborgenheit und Neubeginn werden so zu den eigentlichen Koordinaten des Romans. Samer Al Najjar erzählt damit nicht nur von einem jungen Syrer zwischen Damaskus und Wien, sondern von einer menschlichen Suche, die weit über Adams Geschichte hinausführt.

Das Buch ist als gedruckte, kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-08-3) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-16-8) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.

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