Liebesgeschichte Wien

Adam oder die Kunst, nach jedem Verlust weiterzuleben

Es gibt Romanfiguren, die man vor allem durch ihre Handlungen kennenlernt – und andere, bei denen man spürt, dass jede Entscheidung eine lange Vorgeschichte besitzt. In Labyrinth der verwaisten Wünsche von Samer Al Najjar gehört Adam eindeutig zur zweiten Gruppe. Wer ihm durch Damaskus, Revolution, Flucht und Wien folgt, begegnet keinem makellosen Helden, sondern einem jungen Menschen, dessen Sehnsucht nach Nähe immer wieder mit der Erfahrung des Verlusts zusammenstößt.

Ein Kind, das früh lernen muss, was Verlust bedeutet

Samer Al Najjar – Autor von Labyrinth der verwaisten Wünsche

Adams Geschichte beginnt mit einem Verlust, der weit vor Revolution und Krieg liegt. Seine Eltern sterben bei einem Autounfall. Danach wächst er im Haus seines Onkels auf – doch das neue Zuhause wird für ihn nicht zum sicheren Ort. Emotionale Misshandlung, Schikanen innerhalb der Familie und belastende Erfahrungen in der Schule prägen seine Kindheit. Geborgenheit bleibt etwas, das andere scheinbar selbstverständlich besitzen und das Adam immer wieder entgleitet.

Diese frühen Erfahrungen sind entscheidend, wenn man die psychologische Entwicklung der Romanfigur Adam verstehen will. Der Roman erzählt seine Kindheit nicht lediglich als Vorgeschichte. Erinnerungen drängen sich immer wieder in Adams Gegenwart hinein. Vergangenheit wird dadurch zu etwas Lebendigem: Sie beeinflusst, wem er vertraut, wonach er sucht und wie verletzlich er in Beziehungen bleibt.

Die Revolution als Versprechen eines anderen Lebens

Als 2011 in Syrien Proteste beginnen, verändert sich für Adam etwas Grundsätzliches. Er schließt sich Menschen an, die Demokratie und Freiheitsrechte fordern, und nimmt an friedlichen Demonstrationen teil. Für ihn bedeutet die syrische Revolution aber noch mehr als politische Veränderung. Sie bietet ihm plötzlich eine Gemeinschaft, ein Ziel und die Möglichkeit, dem eigenen Leben Bedeutung zu geben.

Gerade darin liegt eine der interessantesten Spannungen des Romans: Adams politisches Engagement lässt sich nicht vollständig von seiner persönlichen Geschichte trennen. Der Traum von einem freien Syrien ist zugleich die Hoffnung, selbst Teil einer gerechteren und verlässlicheren Welt zu werden.

Im Autoreninterview formuliert Samer Al Najjar diesen Zusammenhang sehr deutlich: „Adam gelingt es nicht, sich von diesem Traum zu lösen, weil sein Leben vor der Revolution sinnlos war.“ – Samer Al Najjar im Autoreninterview mit dem Verleger, Februar 2023.

Wenn das Erlebte nicht an der Grenze zurückbleibt

Doch aus Hoffnung werden Verfolgung, Krieg und Lebensgefahr. Nachdem Adam 2013 die Giftgasangriffe von Ghouta bei Damaskus erlebt, flieht er in die Türkei. Später erreicht er Wien. Äußerlich vergrößert sich die Entfernung zum Krieg – innerlich geschieht das Gegenteil. Seine Erfahrungen bleiben gegenwärtig.

Der Roman zeigt damit eindringlich, weshalb Trauma und Fluchterfahrung in der Literatur nicht erst mit Krieg beginnen und nicht mit der Ankunft in einem sicheren Land enden. Bei Adam treffen frühe Bindungsverluste auf politische Gewalt, Fluchterfahrungen und erneute persönliche Verluste. Al Najjar beschreibt diese Entwicklung, ohne seinen Protagonisten auf eine psychologische Diagnose zu reduzieren.

Wer diese Ebene des Romans weiterverfolgen möchte, gelangt unmittelbar zur Suche nach Heimat und Zugehörigkeit. Denn Adams Wunsch nach einem sicheren Ort ist ebenso stark wie sein Bedürfnis nach einem Menschen, bei dem er bleiben kann.

Darin, Wien und die Frage, ob Liebe retten kann

Buchcover Labyrinth der verwaisten Wünsche von Samer Al Najjar

In Wien erreicht Adam die Nachricht vom Tod Darins, seiner Cousine und Kindheitsliebe. Der Verlust trifft auf eine Psyche, die längst viel zu tragen hat. Seine Krise verschärft sich, bis er versucht, sich das Leben zu nehmen und schließlich in einer Klinik behandelt wird. Doch damit beendet der Roman Adams Geschichte nicht.

Eine neue Begegnung öffnet noch einmal die Möglichkeit von Nähe. Adam lernt eine junge Syrerin kennen. Liebe erscheint nun als vielleicht letzter Rettungshalm – allerdings nicht als romantische Garantie auf Heilung. Die entscheidende Frage bleibt vielmehr, ob ein Mensch nach so vielen Verlusten überhaupt wieder Vertrauen wagen kann.

Ein verletzlicher Held ohne einfache Antworten

Gerade deshalb bleibt Adam als Figur im Gedächtnis. Er ist politisch idealistisch und zugleich innerlich instabil, voller Sehnsucht und dennoch fähig, Nähe abzuwehren. Seine Widersprüche machen ihn glaubwürdig. Kriegstrauma, Kindheitstrauma, Liebe und Verlust stehen in diesem psychologischen Gegenwartsroman nicht nebeneinander, sondern greifen ineinander. Samer Al Najjar erzählt Adams Weg deshalb weniger als Heldengeschichte denn als Suche: nach Sinn, Freiheit, Zugehörigkeit und der Möglichkeit, nach einem Zusammenbruch wieder aufzustehen.

Das Buch ist als gedruckte, kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-08-3) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-16-8) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.

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