Historischer Roman Münster

Dazugehören – und trotzdem draußen stehen

Es gibt ein Bedürfnis, das Menschen über Zeiten und gesellschaftliche Grenzen hinweg miteinander verbindet: Wir möchten dazugehören – zu einer Familie, einer Gemeinschaft, einer Gesellschaft, die uns anerkennt. In Die Judenfürstin von Ulrich Henze wird diese Sehnsucht auf ungewöhnliche Weise zum unsichtbaren Band zwischen zwei Menschen, deren Lebenswelten kaum unterschiedlicher sein könnten: Fürstin Amalie von Gallitzin und Jakob Löw.

Die eine besitzt einen großen Namen, gesellschaftlichen Rang und ein Haus, in dem sich gebildete Persönlichkeiten begegnen. Der andere ist ein junger Jude aus dem von Armut geprägten Norden des Fürstbistums Münster, der ohne behördliche Erlaubnis unterwegs ist. Und doch erfahren beide, was es bedeutet, dazuzugehören und trotzdem draußen zu stehen.

Eine Fürstin, die plötzlich allein steht

Buchcover Die Judenfürstin von Ulrich Henze – historischer Roman über Zugehörigkeit und Ausgrenzung

Amalie von Gallitzin scheint auf den ersten Blick kaum eine Außenseiterin zu sein. Sie ist privilegiert, hochgebildet und Mittelpunkt eines geistigen Kreises in Münster. Doch sie lebt unangepasst, vertritt eigene Überzeugungen und entspricht nicht ohne Weiteres den Erwartungen, die ihre Zeit an eine Frau ihres Standes richtet.

Als das Gerücht aufkommt, sie verstecke einen jungen Juden vor der Obrigkeit, verändert sich ihre Stellung. Menschen, die zu ihrer gesellschaftlichen Welt gehören, gehen auf Distanz. Vorhandene Vorurteile verbinden sich mit der Ablehnung ihrer Lebensweise. Die Fürstin erlebt, wie brüchig Zugehörigkeit sein kann, sobald eine Gemeinschaft beginnt, einen Menschen nicht mehr als einen der ihren zu betrachten.

Wer die historische Persönlichkeit hinter der Romanfigur näher kennenlernen möchte, findet in unserem Beitrag über Amalie von Gallitzin und ihr ungewöhnliches Leben im Zeitalter der Aufklärung weitere Hintergründe.

Jakob sucht mehr als einen sicheren Ort

Jakob Löws Ausgangslage ist eine vollkommen andere. Als Jude unterliegt er im Fürstbistum einer restriktiven Minderheitenpolitik. Ohne offizielle Erlaubnis macht er sich auf den Weg und hofft, Frankreich zu erreichen. Dort, so hat er gehört, sind Menschen jüdischen Glaubens infolge der Revolution rechtlich gleichgestellt.

Seine Reise ist deshalb mehr als eine Flucht aus schwierigen Verhältnissen. Sie wird zur Suche nach einem Leben, in dem Herkunft und Religion nicht darüber entscheiden sollen, welche Möglichkeiten einem Menschen offenstehen. Paris steht für Jakob für die Hoffnung auf Freiheit, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe.

Zwei Außenseiter – ohne eine einzige Begegnung

Gerade hier liegt eine der klügsten Konstruktionen des Romans: Amalie und Jakob begegnen einander niemals. Die Fürstin kennt den jungen Mann nicht, den sie angeblich versteckt. Jakob wiederum erfährt von ihr, ohne Gelegenheit zu bekommen, sie persönlich kennenzulernen.

Im Interview mit dem Verleger bringt Ulrich Henze diese Verbindung auf einen bemerkenswert einfachen Satz: „Beide sind grundverschieden, aber gleichzeitig durch ihr Außenseitertum miteinander verbunden.“

Das ist mehr als ein erzählerischer Kunstgriff. Amalie erlebt Ausgrenzung, obwohl sie gesellschaftlich eigentlich dazugehört. Jakob erfährt sie, weil die damalige Ordnung ihn von vornherein nicht als gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft behandelt. Der Roman zeigt damit zwei sehr unterschiedliche Formen des Außenseitertums im historischen Roman – und lässt sie miteinander korrespondieren, ohne seine Figuren künstlich zusammenzuführen.

Die stille Angst, nicht mehr dazuzugehören

Vielleicht berührt uns diese Konstellation deshalb, weil sie etwas anspricht, das nicht auf das Jahr 1792 beschränkt ist. Zugehörigkeit vermittelt Sicherheit. Wir möchten angenommen, gehört und als Teil einer Gemeinschaft wahrgenommen werden. Umso einschneidender ist die Erfahrung, plötzlich draußen zu stehen.

Historische Romane können solche menschlichen Erfahrungen besonders eindringlich erzählen. Die fremde Epoche schafft Abstand – und gerade dieser Abstand erlaubt manchmal einen überraschend klaren Blick auf Gefühle, die uns vertraut sind. Henze formuliert im Interview einen ähnlichen Gedanken: Geschichte sei nicht nur eine Ansammlung von Daten und Jahreszahlen, sondern immer auch die Geschichte von Menschen.

So erzählt Die Judenfürstin nicht nur von Aufklärung, Antisemitismus und den gesellschaftlichen Verhältnissen des späten 18. Jahrhunderts. Der Roman erzählt ebenso von Anerkennung und Ablehnung, von dem Wunsch nach Selbstbestimmung und von der Frage, wie viel innere Stärke nötig ist, wenn eine Gesellschaft einem Menschen den Platz streitig macht, den er für sich beansprucht.

Dr. Ulrich Henze, Autor des historischen Romans Die Judenfürstin

Dr. Ulrich Henze macht aus dieser Frage keine abstrakte Botschaft, sondern erzählt sie durch zwei Lebenswege, die sich nie kreuzen und dennoch miteinander verbunden bleiben. Vielleicht liegt gerade darin die besondere Wirkung seiner Geschichte: Am Ende denken wir nicht nur darüber nach, wer 1792 dazugehören durfte – sondern unweigerlich auch darüber, was Zugehörigkeit für uns selbst bedeutet.

Das Buch ist als gedruckte, kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-93-9) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-94-6) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.

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