Samer al Najjar

Ein Roman, zwei Sprachen: Samer Al Najjar schreibt seine Geschichte neu

Manchmal beginnt die Geschichte eines Buches lange vor seiner deutschen Ausgabe – in einer anderen Sprache, einem anderen Land und einer anderen literarischen Öffentlichkeit. Labyrinth der verwaisten Wünsche von Samer Al Najjar ist ein solcher Roman: zuerst auf Arabisch geschrieben und veröffentlicht, später vom Autor selbst ins Deutsche übertragen. Dadurch erzählt nicht nur das Buch von einem Leben zwischen unterschiedlichen Welten – bereits seine Entstehung trägt diese Bewegung in sich.

Vom arabischen Original zur deutschen Ausgabe

Samer Al Najjar bei einer Lesung zu Labyrinth der verwaisten Wünsche

Die erste Fassung des Romans erschien im Oktober 2020 im Libanon beim Verlag Arab Scientific Publishers. Ihr deutscher Titel lässt sich als Und der Würfel dreht sich noch wiedergeben. Für die deutsche Veröffentlichung entschied sich Samer Al Najjar nicht dafür, seinen Text einem externen Übersetzer zu überlassen. Er übertrug den eigenen Roman selbst ins Deutsche.

Das klingt zunächst wie eine bibliografische Besonderheit. Literarisch ist es weit mehr. Wer den eigenen Text übersetzt, kennt nicht nur seine Wörter, sondern auch die Erinnerungen hinter ihnen, den Rhythmus einer Szene, die Bedeutung eines Bildes und jene Stellen, an denen ein Satz bewusst mehrdeutig bleibt. Selbstübersetzung zwischen Arabisch und Deutsch bedeutet deshalb nicht lediglich, eine Geschichte sprachlich zu transportieren. Der Autor begegnet seinem eigenen Werk in einer zweiten Sprache noch einmal neu.

Zwischen Erinnerung und literarischer Erfindung

Besonders deutlich wird diese Doppelperspektive bei den Schauplätzen. Damaskus ist im Roman kein austauschbarer Hintergrund. Häuser, Innenhöfe, Straßen, familiäre Beziehungen und gesellschaftliche Regeln besitzen eine starke sinnliche Gegenwart. Im Exposé erinnert Al Najjar an das Haus seines Großvaters mit seinen zahlreichen Räumen, großen Fenstern und einem Wasserbecken im Innenhof. Der reale Ort sei längst zerstört, schreibt er – in Erinnerung und Roman könne er jedoch weiterexistieren.

Diese Verbindung verführt dazu, Autor und Romanfigur vorschnell gleichzusetzen. Doch Adam bleibt eine literarische Figur. Biografische Erfahrung kann einem Schriftsteller Material, Atmosphäre und Kenntnis einer Gesellschaft geben; daraus entsteht noch keine Autobiografie. Gerade diese Distanz ist wichtig, wenn man den Roman als Literatur über Syrien, Erinnerung und Flucht liest.

Al Najjar selbst beschreibt im Interview zugleich, wie tief seine eigene syrische Vergangenheit reicht: „Ich erlebte eine typische Kindheit in Syrien.“ – Samer Al Najjar im Autoreninterview mit dem Verleger, Februar 2023. Im weiteren Gespräch schildert er Schule, gesellschaftliche Prägung und jene politische Wirklichkeit, gegen die sich später der Traum von Freiheit richtet.

Eine deutsche Stimme, die nicht geglättet werden sollte

Gerade bei einer solchen Selbstübersetzung stellt sich eine verlegerisch spannende Frage: Wie viel sprachliche Eigenheit darf im Deutschen sichtbar bleiben? Die deutsche Ausgabe wurde professionell lektoriert; ermöglicht wurde dies durch die Unterstützung der Adalbert und Thilda Colsman Stiftung sowie der Heimstatt-Stiftung Niederberg.

Dabei sollte aus dem Text aber kein Roman werden, der so klingt, als wäre er ursprünglich in einem völlig anderen kulturellen und sprachlichen Umfeld entstanden. Bildlichkeit, emotionale Direktheit, ungewöhnliche Metaphern und der Wechsel zwischen Alltagssprache, politischer Reflexion und poetischer Verdichtung gehören zu Al Najjars Erzählweise. Ein gutes Lektorat muss hier nicht nivellieren, sondern unterscheiden: Was ist sprachliche Unsicherheit – und was ist Stimme?

Wer zunächst die Geschichte selbst kennenlernen möchte, findet im Beitrag zwischen Damaskus und Wien – ein Roman über Syrien und Flucht einen Einstieg in Adams Weg durch Kindheit, Revolution, Krieg und Exil.

Schreiben als Form des Bewahrens

Buchcover Labyrinth der verwaisten Wünsche von Samer Al Najjar

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Spannung dieses Buches: Ein Autor schreibt über Heimatverlust und bringt seinen eigenen Text anschließend in einer Sprache neu hervor, die zu seinem späteren Lebensumfeld gehört. Die arabische und die deutsche Fassung stehen deshalb nicht wie Original und bloße Kopie nebeneinander. Sie sind zwei sprachliche Gestalten derselben literarischen Welt.

So wird Labyrinth der verwaisten Wünsche auch zu einem Beispiel dafür, was Literatur zwischen zwei Sprachen leisten kann. Sie bewahrt Erinnerungen, ohne sie unverändert einzufrieren, und vermittelt eine syrische Erfahrungswelt, ohne sie für deutschsprachige Leser vollständig zu neutralisieren. Samer Al Najjar ist dabei nicht nur Autor des Romans, sondern zugleich sein eigener Übersetzer – und damit derjenige, der entschieden hat, wie Adams Welt auf Deutsch weiterleben soll.

Das Buch ist als gedruckte, kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-08-3) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-16-8) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.

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