Wie wird aus Geschichte Literatur? Vielleicht beginnt es mit einem Bild, einem Brief, einer historischen Persönlichkeit – und mit der Neugier darauf, was Menschen hinter den überlieferten Daten gedacht, gehofft und gefürchtet haben könnten. In Die Judenfürstin führt Ulrich Henze seine Leser in das Münster des Jahres 1792 – und nähert sich dieser Welt mit dem besonderen Blick eines Kunsthistorikers.
Henze, 1954 in Münster geboren, studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Publizistik in Münster und Köln. Nach seiner Promotion war er zunächst an der Universität Münster tätig, später arbeitete er als freier PR-Berater und als Pressesprecher einer großen Kultureinrichtung in Potsdam. Wissenschaftliche Veröffentlichungen zur mittelalterlichen Kunstgeschichte gehören ebenso zu seiner Biografie wie kulturhistorische Texte und historische Romane.
Wenn hinter den Jahreszahlen Menschen sichtbar werden
Wer Geschichte wissenschaftlich betrachtet, arbeitet mit Quellen, Befunden und historischen Zusammenhängen. Wer daraus einen Roman entstehen lassen will, muss zusätzlich eine andere Frage stellen: Wie könnte es sich angefühlt haben, in dieser Zeit zu leben?
Genau hier setzt Henzes literarischer Zugang an. Im Interview mit dem Verleger formuliert er einen Satz, der beinahe wie ein Leitmotiv seines Schreibens klingt: „Geschichte ist ja immer auch die Geschichte von Menschen und nicht nur die Ansammlung von Daten und Jahreszahlen.“
Für Die Judenfürstin bedeutet das: Die Französische Revolution bleibt nicht bloß ein welthistorisches Ereignis. Ihre Auswirkungen reichen bis nach Münster, wo Flüchtlinge eintreffen und alte gesellschaftliche Gewissheiten ins Wanken geraten. Aufklärung, Religion, Antisemitismus und Emanzipation werden nicht nur beschrieben, sondern durch Figuren und ihre Konflikte erfahrbar.
Was ein Kunsthistoriker in einem Porträt entdeckt
Besonders interessant wird Henzes Arbeitsweise dort, wo seine kunsthistorische Erfahrung unmittelbar in die Literatur einfließt. Im Autoreninterview spricht er über den Münsteraner Porträtmaler Johann Christoph Rincklake, dessen Bildnisse für ihn mehr zeigen als Kleidung, Gesicht und gesellschaftlichen Rang. Henze erkennt darin Spannungen und Veränderungen einer ganzen Epoche.
Dieser Blick prägt auch seinen Roman. Kunstwerke sind nicht bloß dekorative Ausstattung eines historischen Schauplatzes. Sie können etwas darüber verraten, wie eine Gesellschaft sich selbst betrachtet. Aus Rincklake entwickelte Henze beispielsweise das Vorbild für den fiktiven Hofmaler Josef Brinklage. So führt der Weg von der Betrachtung historischer Kunst unmittelbar in die Figurenwelt des Romans.
Wer sich näher für die Epoche interessiert, in der diese Figuren leben, findet in unserem Beitrag über Münster 1792 und die Folgen der Französischen Revolution den historischen Hintergrund zur Handlung.
Zwischen historischer Person und literarischer Freiheit
Auch die Hauptfigur des Romans führt mitten in diese besondere Verbindung von Recherche und Erzählung. Amalie von Gallitzin ist keine Erfindung. Die gebildete Fürstin lebte in Münster, pflegte einen weitreichenden geistigen Austausch und empfing 1792 tatsächlich Johann Wolfgang von Goethe. Um diese historischen Tatsachen herum entwickelt Henze seine fiktive Geschichte.
Dazu gehört Jakob Löw, ein junger Jude, der nach Frankreich gelangen möchte. Dazu gehört vor allem das Gerücht, Gallitzin verstecke ihn vor der Obrigkeit – jene Verleumdung, die den zentralen Konflikt des Romans auslöst. Der historische Rahmen schafft also keine Fesseln für die Erzählung. Er gibt ihr vielmehr einen Resonanzraum.
Geschichte braucht Atmosphäre
Ein sorgfältig recherchierter historischer Roman überzeugt nicht allein dadurch, dass Daten und Schauplätze stimmen. Eine vergangene Welt muss vor dem inneren Auge entstehen. Menschen müssen miteinander sprechen, Entscheidungen treffen, Fehler machen und manchmal komisch sein. Henze betont im Interview ausdrücklich, dass zur Darstellung einer Epoche für ihn auch „eine Prise Humor“ gehört.
Das ist eine wohltuende Haltung gegenüber historischem Erzählen. Geschichte wird dadurch weder verniedlicht noch zum bloßen Kostüm. Sie erhält Alltag, Widerspruch und menschliche Nähe. Gerade darin liegt die Chance historischer Literatur: Sie kann eine Epoche nicht nur erklären, sondern für einige hundert Seiten bewohnbar machen.
Bei Dr. Ulrich Henze treffen deshalb zwei Arten des Sehens aufeinander: die genaue Betrachtung des Kunsthistorikers und die Vorstellungskraft des Romanautors. In Die Judenfürstin verbindet er beide zu einer Reise in das Münster von 1792 – zu Menschen, Bildern und Konflikten einer Epoche, die erst dann wirklich interessant wird, wenn hinter der Geschichte die Geschichten sichtbar werden.
Das Buch ist als gedruckte, kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-93-9) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-94-6) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.
