Mittelalter Roman

Jon Skata: Der Mann, der auszog, um das Paradies zu finden

Es gibt Romanfiguren, die man bewundert – und solche, bei denen man schon nach wenigen Seiten denkt: „Mit dem würde ich (trotz allem) losziehen.“ Wo das Paradies beginnt macht genau das mit seinem Helden: Jon Skata wirkt nahbar, fehlbar und gleichzeitig erstaunlich entschlossen. Erzählt wird seine Geschichte von Renata Petry – und schon nach den ersten Kapiteln spürt man, dass hier ein Mensch unterwegs ist, nicht nur eine „Hauptfigur“.

Jon ist zu Beginn weder Ritter noch Prophet. Er ist Kaufmann, jung, verliebt, ein wenig stolz – und in Visby/Gotland in eine Situation geraten, in der ein falsches Wort genügt, um das eigene Leben neu zu schreiben. Sein berühmter Schwur, zum Paradies zu reisen, entsteht nicht in einem stillen Moment der Erleuchtung, sondern aus Reibung, Emotion und dem Wunsch, sich zu beweisen. Gerade das macht ihn so interessant: Er wird nicht „gerufen“, er entscheidet. Und er merkt zu spät, dass Entscheidungen einen Preis haben.

Jon Skata: Ein Held aus Stolz, Liebe und einem einzigen Satz

Jon Skata – Protagonist

Was Jon antreibt, ist eine Mischung aus Liebe und Ehrgefühl – und das fühlt sich erstaunlich modern an. Er will nicht nur „gewinnen“, er will würdig sein. Damit berührt er eine klassische Leserfantasie: jemand, der nicht jammert, sondern losgeht. Gleichzeitig bleibt Jon menschlich, weil seine Entschlossenheit nicht aus Überlegenheit kommt, sondern aus Unsicherheit. Er ist keiner, der alles im Griff hat; er ist einer, der im Zweifel trotzdem handelt.

Im Interview mit dem Verleger beschreibt die Autorin diesen Mechanismus als einen Moment, in dem ein Leben an einem Wort hängt. Renata Petry sagt dort: „Ich glaube, jeder kann sich an eine Situation in seinem Leben erinnern, in der eine einzige Entscheidung, zum Ausdruck gebracht durch ein „Ja“ oder ein „Nein“, zu weitreichenden Konsequenzen geführt hat.“ Genau so ist Jon geschrieben: als Figur, die das „Ja“ ausspricht – und dann mit den Folgen lebt, Schritt für Schritt, Meile für Meile.

Wie ein Kaufmann zum Abenteurer wird (ohne seine Seele zu verlieren)

Jon ist kein Abenteurer, weil er das Risiko liebt. Er wird es, weil die Welt ihn zwingt, größer zu werden als sein ursprünglicher Plan. Sobald die Reise Richtung Regensburg, Österreich und weiter nach Venedig rollt, zeigt sich sein Kern: Verantwortung. Er entscheidet nicht immer perfekt, aber er entscheidet selten bequem. Besonders deutlich wird das, als Matti auftaucht – als „Bursche“ verkleidet, verfolgt, verletzlich und doch erstaunlich zäh. Jon könnte wegsehen. Er könnte „nur“ sein Ziel verfolgen. Aber er nimmt sie mit und bindet damit eine Gefahr an sich, die sein ganzes Vorhaben sprengen kann.

Das ist der Moment, in dem Jon Skata zur Figur wird, die man gern begleitet. Denn er wird nicht zum Helden, indem er stärker ist als andere, sondern indem er mehr Verantwortung übernimmt, als vernünftig wäre. Und trotzdem bleibt er kein naiver Idealist: Er weiß, dass Mattis Verkleidung auffliegen kann, dass Gerüchte tödlich werden, dass im Mittelalter Moral und Überleben nicht immer dasselbe bedeuten.

Zwischen Palu, Matti und der Frage: Wer bin ich, wenn es ernst wird?

Jon ist selten allein – und genau darin liegt eine weitere Stärke des Romans. In Palu hat er einen Vetter, der oft das ausspricht, was Leser im Kopf denken: „Das kann nicht gutgehen.“ Palu ist Misstrauen, Pragmatismus, trockenes Überlebenswissen. Matti ist Mut, Tarnung, Freiheitsdrang. Jon steht dazwischen, und man merkt, wie sich sein Charakter an den beiden reibt und schärft. Jede Szene, in der die Gruppe überstürzt weiterziehen muss, macht Jon ein Stück klarer: Was ist ihm wichtiger – sein Schwur, seine Liebe, oder die Menschen, die er auf dem Weg nicht verlieren will?

Wer tiefer in diese große emotionale Triebfeder eintauchen möchte – die Sehnsucht nach Aufbruch und Sinnsuche –, findet dazu einen eigenen Blickwinkel im Beitrag „Aufbruch und Sinnsuche im Roman“. Bei Jon ist diese Sehnsucht nie abstrakt: Sie wird sichtbar in Wegen, Flüssen, Karten, Häfen – und in der Frage, ob das Paradies ein Ort ist oder ein Prüfstein.

Ein Protagonist, der wächst – und dabei nah bleibt

Buchcover: Wo das Paradies beginnt

Im letzten Drittel merkt man besonders: Jon wird nicht „cooler“, sondern echter. Er lernt, dass Treue nicht bequem ist, dass Liebe nicht nur Ziel, sondern Entscheidung ist, und dass Mut manchmal bedeutet, weiterzugehen, obwohl man Angst hat. Genau deshalb funktioniert Jon Skata als Protagonist eines historischen Abenteuerromans: weil er die große Reise trägt, ohne künstlich zu wirken. Und wenn man das Buch zuschlägt, bleibt weniger die Frage „Wo liegt das Paradies?“ als vielmehr: „Wofür würde ich selbst losgehen?“ – eine Frage, die Renata Petry bewusst in Szene setzt und die den Roman lange nachklingen lässt.

Hinweis: Das Buch ist als gedruckte, also kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-85-4) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-86-1) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.

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