Abenteuerromane

Renata Petry: Die Erzählerin hinter der Reise zum Paradies

Manchmal erkennt man die Handschrift einer Autorin nicht an großen Effekten, sondern an den kleinen Sicherheiten: an Sätzen, die sitzen, an Figuren, die nicht wie Kulissen wirken, und an einer Welt, die nach Salz, Rauch und weiter Ferne riecht. Wo das Paradies beginnt ist genau so ein Buch – und es macht neugierig auf die Person, die es geschrieben hat: Renata Petry.

Denn dieser Roman wirkt nicht wie „Mittelalter von der Stange“. Er fühlt sich vielmehr an, als hätte jemand eine Tür in eine vergangene Welt aufgestoßen und uns einfach mitgenommen: von Gotland über Regensburg und Venedig bis nach Akkon und weiter Richtung Mesopotamien. Wer sich fragt, warum das so glaubwürdig und gleichzeitig so leichtfüßig erzählt ist, findet im Autoreninterview mit dem Verleger eine klare Antwort: Petry schreibt mit einer seltenen Mischung aus Rechercheleidenschaft und Erzähllust – und sie nimmt beide ernst.

Die Autorin hinter dem Abenteuer: Recherche als Fundament

Jon Skata – unterwegs

Renata Petry gehört zu den Autorinnen, die das Historische nicht als Dekoration betrachten, sondern als tragenden Boden. Im Interview mit dem Verleger beschreibt sie sehr offen, wie wichtig ihr dieser Unterbau ist: „Ehrlich gesagt, macht mir die Recherche genauso viel Freude wie das Schreiben des Romans, und es ist auch so, dass ich für die Recherche fast so viel an Zeit wie für das Schreiben selbst aufwende.“ Das ist mehr als ein netter Werkstatt-Satz. Man merkt es im Roman auf jeder Seite – nicht, weil ständig Fakten aufgezählt würden, sondern weil das historische Weltgefühl stimmt.

Wenn Jon Skata in einer Hafenschänke auf Gotland ein unüberlegtes Gelöbnis ablegt, spürt man die Enge des Ortes und gleichzeitig den Sog der offenen See. Wenn die Reise später Handelswege, Klöster, Häfen und Grenzräume streift, fühlt es sich an, als würde man durch eine Welt laufen, die ihre eigenen Regeln hat. Genau diese Qualität ist es, die einen historischen Abenteuerroman von bloßem Kostümtheater unterscheidet.

„Quest“ statt Spaziergang: Warum die Reise mehr als Geografie ist

Im Interview betont Petry außerdem, dass die Reise zum Paradies zwangsläufig eine zweite Ebene trägt: eine innere Suche. Sie greift dafür bewusst den englischen Begriff „quest“ auf – also eine Reise, die zugleich eine Suche nach etwas Höherem ist. Und das ist spannend, weil es die Tonlage des Romans erklärt: Es geht nicht nur um „wie kommen sie nach Akkon?“, sondern um die Frage, was diese Reise mit den Figuren macht.

Jon startet als junger Kaufmann, verliebt und stolz. Palu wirkt zunächst wie das pragmatische Gegenstück, das den Wahnsinn kommentiert. Und Matti bringt als verkleidete junge Frau nicht nur Dynamik, sondern auch Gefahr und moralische Reibung in die Gruppe. Dass diese Konstellation so lebendig ist, hat viel mit Petrys Blick für Menschen zu tun: Sie schreibt Figuren nicht als Funktionen, sondern als Charaktere mit Widersprüchen. Genau dadurch entsteht Humor, Spannung und – ganz wichtig – emotionale Nähe.

Ein Mittelalterroman mit Wärme: Unterhaltung ohne Zynismus

Im Interview sagt Petry auch sehr klar, was ihr grundsätzliches Anliegen ist: Leserinnen und Leser gut zu unterhalten und sie für eine Weile aus dem Alltag herauszuholen. Das klingt schlicht, ist aber in einer Zeit, in der viele Romane auf maximale Düsternis setzen, fast schon ein Statement. „Wo das Paradies beginnt“ ist kein „psychologisch zersetzender“ Mittelalterroman, sondern ein Abenteuerstoff mit Herz. Loyalität, Liebe und Selbstbestimmung werden nicht ironisch gebrochen, sondern dürfen ernst gemeint sein – und gerade das wirkt heute überraschend wohltuend.

Wer Petrys Ansatz an einem konkreten Thema nachlesen will, dem empfehle ich als Ergänzung den Beitrag zum historischen Hintergrund des Romans. Dort zeigt sich besonders, wie sehr die Autorin darauf achtet, dass das Mittelalter nicht „modern verkleidet“ wird, sondern aus sich selbst heraus spricht – inklusive der Karten, Weltbilder und religiösen Vorstellungen, die damals Realität und Mythos verbinden konnten.

Die Weltkarte als Zündfunke: Bilder, die Geschichten auslösen

Einer der schönsten Momente im Interview ist, wie Petry von ihrer Begegnung mit der berühmten Ebstorfer Weltkarte erzählt. Dieses Staunen – über die Mischung aus realen Orten und mythischen Wesen, über die Idee eines „heiligen Ostens“, über das Paradies am Rand der Welt – ist keine bloße Anekdote. Es ist ein Schlüssel: Man versteht, warum der Roman so sehr von Karten, Wegen und Versprechen lebt. Petry schreibt nicht „über“ das Mittelalter, sie schreibt aus einer Faszination heraus, die ansteckend ist. Und genau deshalb trägt die Geschichte ihr Tempo so mühelos: Weil die Autorin selbst Freude daran hat, dieser Welt nachzuspüren.

Eine Autorin, der man gern weiter folgt

Buchcover: Wo das Paradies beginnt

Am Ende bleibt nicht nur die Lust, Jon Skata weiter zu begleiten, sondern auch die Neugier auf die Autorin selbst: auf ihre Art, historische Stoffe zu beleben, ohne sie zu glätten. „Wo das Paradies beginnt“ ist damit nicht nur ein starker Auftakt einer Reise, sondern auch eine Einladung, Renata Petrys Werk als Ganzes zu entdecken – weil es selten ist, dass ein historischer Roman Mittelalter zugleich so fundiert und so warmherzig erzählt wird. Und genau deshalb lohnt es sich, sich diese Autorin zu merken: Renata Petry.

Hinweis: Das Buch ist als gedruckte, also kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-85-4) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-86-1) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.

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