politische Fiktion Putin

Warum „Perestroika“ heute wichtiger ist als je zuvor

Manchmal merkt man erst Jahre später, dass eine Gesellschaft längst in eine Richtung rutscht, in der man nie leben wollte. Im zweiten Satz trifft dich genau dieses Gefühl, wenn du Perestroika · Auge um Auge, Zahn um Zahn von João Cerqueira aufschlägst: Du bist sofort in Eslavien, und du ahnst, dass „nach der Diktatur“ nicht automatisch „Frieden“ bedeutet.

Warum dieser Roman heute so nahe geht

Der Gegenwartsbezug beginnt bei einer unbequemen Erkenntnis: Diktaturen verschwinden selten einfach, sie verändern nur ihre Form. In Cerqueiras fiktivem osteuropäischen Staat Eslavien kippt ein realsozialistisches Regime, doch das, was Menschen wirklich steuert, bleibt zunächst bestehen: Netzwerke, Angst, Abhängigkeiten, Geld. Aus dem Überwachungsstaat wird ein Machtapparat, der sich moderner gibt. Aus dem ideologischen Dogma wird die kalte Logik von Korruption und Erpressung. Und aus der Hoffnung auf Demokratie wird ein Test, den eine erschöpfte Gesellschaft oft nur teilweise besteht.

Populismus, Angst und das Bedürfnis nach „Ordnung“

Der Roman zeigt, wie schnell sich Menschen nach einer Zeitenwende nach Ordnung sehnen, selbst wenn sie dafür Freiheit eintauschen. Wer Angst hat, greift nach dem scheinbar Starken. Wer sich ohnmächtig fühlt, lässt sich leichter überzeugen, dass Schuldige „beseitigt“ gehören. Genau hier trifft Perestroika einen Nerv der Gegenwart: Populisten funktionieren überall nach ähnlichen Regeln. Sie versprechen einfache Lösungen, nutzen die Wut der Enttäuschten und bauen Feindbilder, die sich gut verkaufen lassen. Cerqueira erzählt das nicht als Theorie, sondern als Spannung, als Sog, als moralische Falle, in der Figuren Entscheidungen treffen, die nachvollziehbar und zugleich erschreckend sind.

Wenn Wahrheit zur Waffe wird

Ein weiteres Heute-Thema ist die Frage: Wer bestimmt, was „wahr“ ist? In Eslavien prallen Propaganda, Halbwahrheiten und persönliche Erinnerungen aufeinander. Die einen wollen Akten öffnen, die anderen Akten vernichten. Die einen wollen aufklären, die anderen „abschließen“. Das ist der Punkt, an dem ein politischer Thriller über den Systemumbruch zur Spiegelung unserer Gegenwart wird: Auch heute kämpfen Gesellschaften um Narrative. Nicht nur mit Zeitungsüberschriften, sondern mit Druck, Drohung, Rufmord. Im Roman ist es oft weniger die offene Gewalt, die alles entscheidet, sondern das, was gesagt werden darf und was nicht, wer sprechen darf und wer zum Schweigen gebracht wird.

Gerechtigkeit oder Vergeltung: die gefährliche Verwechslung

Der Untertitel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ macht klar, dass es hier um mehr geht als Politik. Es geht um ein Urbedürfnis: Gerechtigkeit. Und um die Verlockung, Gerechtigkeit mit Vergeltung zu verwechseln. Cerqueira führt seine Figuren immer wieder an diese Kante. Wer nach der Diktatur alles verloren hat, will einen Preis sehen. Wer Opfer war, will Anerkennung. Wer Täter war, will Vergessen. In dieser Mischung wird Rache plötzlich plausibel, fast „logisch“. Und genau das ist die Warnung für die Gegenwart: Wenn Institutionen versagen, wenn Aufarbeitung stockt, wenn Machtmissbrauch folgenlos bleibt, wächst die Bereitschaft zur Selbstjustiz. Der Roman lässt dich spüren, wie schnell ein Land, das „frei“ sein will, erneut in Gewalt kippen kann.

Was der Autor dazu sagt

Im Interview des Autors mit dem Verleger fällt ein Satz, der wie ein Leitmotiv über dem ganzen Buch steht: „Soweit ich weiß, gibt es keinen Film, keine Serie und keinen Roman – außer meinem –, der eine der wichtigsten Veränderungen des 20. Jahrhunderts behandelt.“ Dieser Anspruch erklärt, warum Eslavien nicht wie Kulisse wirkt, sondern wie ein lebender Organismus. Die Perestroika ist hier nicht Folklore, sondern ein Systemtest: Was bleibt vom Menschen, wenn Ideologie, Angst und Opportunismus jahrelang seine Umgebung geprägt haben?

Ein Spiegel für unsere Zeit: Demokratie ist keine Endstation

Perestroika · Auge um Auge, Zahn um Zahn

Perestroika · Auge um Auge, Zahn um Zahn ist deshalb mehr als ein Zeitgeschichtsroman. Es ist ein literarischer Thriller, der zeigt, wie Totalitarismus neue Wirte findet, wenn wir ihm die Tür einen Spalt offen lassen. Am Ende bleibt nicht die Frage, ob Eslavien „real“ ist, sondern ob wir die Muster erkennen, bevor sie wieder Geschichte schreiben. Genau diese Wucht macht den Roman so aktuell – und so packend. Und sie trägt eindeutig die Handschrift von João Cerqueira.

Das Buch ist als gedruckte, also kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-79-3) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-80-9) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.

Jetzt das Buch hier bestellen!

Regresar al blog

Deja un comentario

Ten en cuenta que los comentarios deben aprobarse antes de que se publiquen.