Manchmal genügt ein einziger Moment, um eine ganze Stadt anders zu sehen: eine Nacht, ein Geräusch, ein Blick über eine Straße, die plötzlich nicht mehr vertraut wirkt. Im Zentrum steht Los Pitos · Ein neuer Fall für Karl Kramer von Rainer Grebe – ein Roman, der West-Berlin nicht als Kulisse benutzt, sondern als nervöses System erzählt: voller Zwischenräume, voller Macht, voller stiller Angst.
Ein Überfall, der die Stadt aufreißt
Der Einstieg sitzt wie ein harter Schnitt. In der Gieselerstraße wird der Club „Los Pitos“ überfallen; ein Killerkommando ermordet sechs Mitarbeiter – kalt, schnell, ohne Pathos. Diese Gewalt ist nicht dekorativ, sie ist ein Signal: Hier beginnt etwas, das sich nicht mehr zurückdrängen lässt. Grebe erzählt diesen Moment mit einer Präzision, die sich anfühlt wie Neonlicht auf nassem Asphalt. Und noch bevor man als Leser nach dem klassischen „Wer war’s?“ greifen kann, merkt man: Die eigentliche Frage lautet anders. Was kippt hier gerade? Und wer profitiert davon?
Denn „Los Pitos“ ist ein historischer Kriminalroman, der seine Spannung weniger aus der Maskerade des Täters zieht als aus dem Entstehen neuer Strukturen. West-Berlin, späte 1960er Jahre: Das Rotlichtmilieu ist nicht bloß schillernd, es ist umkämpft. Boxpromoter, Kiezgrößen, rivalisierende Cliquen – und im Hintergrund etwas, das damals noch wie ein Gerücht wirkt und doch längst ein Markt ist: Kokainhandel. Grebe macht aus diesem beginnenden Rauschgifthandel keinen Modetrend der Unterwelt, sondern ein Machtinstrument, das Beziehungen verändert, Loyalitäten zerreißt und Gewalt zur Verhandlungsform erhebt.
Police Procedural: Wenn Ermittlungsarbeit zum Nerv der Spannung wird
Genau hier greift die Stärke der Reihe: Es ist ein Police Procedural im besten Sinn. Die Mordkommission MK1 arbeitet nicht mit genialischen Eingebungen, sondern mit Routine, Druck, Gesprächen, Akten, Taktik – und mit dem Wissen, dass jeder Fehler in einem eskalierenden Milieu tödliche Folgen haben kann. Grebe nimmt diese polizeiliche Ermittlungsarbeit ernst. Man spürt die Enge der Büros, die Müdigkeit nach langen Nächten, den Ton zwischen Kollegen, der zugleich professionell und menschlich ist. Das Ermittlerteam wird nicht zur Show, sondern zur Instanz, die Ordnung behaupten muss, während ringsherum die Regeln brüchig werden.
Dass diese Ordnung unter Druck gerät, zeigt sich nicht nur an der steigenden Zahl von Mordopfern, sondern auch an der Verwundbarkeit der Ermittler selbst. Als Kommissar Seydlitz bei einem Restaurantbesuch schwer verletzt wird, verschiebt sich die Balance endgültig: Das Milieu greift in die Polizei hinein, nicht umgekehrt. Und genau dann kehrt Karl Kramer zurück.
Karl Kramer: Rückkehr eines Ordnungsmenschen
Kramer ist nicht der Typ, der mit der Faust auf den Tisch haut und damit alles löst. Er kommt aus einer anderen Schule: konzentriert, erfahren, mit dem Sinn für Zusammenhänge – und mit einer eigenen Verletzungsgeschichte, die ihn nicht heldischer macht, sondern wacher. Nach seiner lebensbedrohlichen Verletzung arbeitet er zunächst als Dozent an der Polizeiakademie. Doch als die MK1 im Strudel aus Milieukriminalität, Machtkämpfen und internationalem Drogenhandel immer stärker unter Druck gerät, übernimmt er erneut die Leitung.
Im Autoreninterview mit dem Verleger bringt Grebe das leise Zentrum seiner Figur auf den Punkt: Ich mag die eher leisen Helden.
Diese Haltung spürt man in jeder Szene, in der Kramer nicht „glänzt“, sondern standhält. Gerade das macht den Roman so glaubwürdig – und so unruhig: Weil man als Leser ahnt, dass Haltung in solchen Zeiten nicht schützt, sondern kostet.
Von Berlin nach Hamburg und Amsterdam – und zurück ins Dunkel
„Los Pitos“ denkt West-Berlin nie isoliert. Der neue Handel ist international, die Drahtzieher sitzen nicht nur in der Stadt. Die Spur führt nach Hamburg und Amsterdam – und damit in eine Welt, in der Geldströme, Kontakte und Gewalt die Grenzen leichter überwinden als jede Behörde. Das ist der Punkt, an dem der Roman seine besondere Spannung entfaltet: Man liest nicht nur einen Berlin Krimi, man liest eine Momentaufnahme davon, wie organisierte Kriminalität sich modernisiert.
Und doch endet alles wieder dort, wo solche Geschichten immer enden müssen: am konkreten Ort, an dem Entscheidung fällt. Auf der Havelinsel Lindwerder kommt es zum Showdown – ein Finale, das nicht laut sein muss, um lange nachzuwirken. Grebe zieht die Schraube nicht über Tempo an, sondern über Konsequenz: Wenn eine Stadt kippt, kippt sie nicht mit einem Knall, sondern mit einer Reihe von Entscheidungen, die plötzlich unumkehrbar sind.
Macht und Moral beieinander liegen, wenn eine Gesellschaft in den Umbruch gerät. Wer sich auf „Los Pitos“ einlässt, liest nicht einfach „den nächsten Band“, sondern einen historischen Berlinroman, der lange nachhallt – und der seinen Autor am Ende klar erkennen lässt: Rainer Grebe.
Das Buch ist als Taschenbuch (978-3-910347-81-6) und als EPUB (978-3-910347-82-3) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.
