Es gibt Gedichte, die über ein bestimmtes Land sprechen und uns doch unmittelbar selbst betreffen. Insorge l’Iran - Iran erhebt sich von Gino Pacifico erzählt vom Iran, von Frauenprotesten, Flucht und Gewalt – aber darunter liegt eine Frage, die weit über den Iran hinausreicht: Was bedeutet Freiheit heute, wenn Menschen sie mit Angst, Verlust und manchmal mit dem eigenen Leben bezahlen?

Warum diese Gedichte nicht nur vom Iran erzählen
Der Iran ist der politische Ausgangspunkt dieses Bandes. Die Proteste nach dem Tod von Jina Mahsa Amini, der Mut der Frauen, die Gewalt einer theokratischen Ordnung und der Ruf nach Freiheit bilden seinen stärksten Kern. Doch die Gedichte bleiben nicht in einer fernen Wirklichkeit eingeschlossen. Sie berühren etwas, das auch Leser in Europa kennen: das Gefühl, von Nachrichten überflutet zu werden und dennoch nach einer menschlichen Antwort zu suchen.
Gerade deshalb wirken diese politischen Gedichte der Gegenwart so unmittelbar. Sie sagen nicht: Seht dorthin, dort geschieht etwas Schreckliches. Sie fragen leiser und dringlicher: Was macht dieses Schreckliche mit uns? Bleiben wir wach? Bleiben wir empfindsam? Oder gewöhnen wir uns daran, dass Freiheit für andere Menschen gefährlich ist?
Freiheit als menschliche Erfahrung
In Iran erhebt sich ist Freiheit kein abstrakter Begriff. Sie erscheint im Atem, im Gehen, im Blick, im öffentlichen Raum. Sie zeigt sich dort, wo Frauen nicht länger zurückweichen, wo ein Volk die Angst verliert, wo Flüchtlinge trotz aller Gefahr nach einem Leben suchen, das nicht von Gewalt bestimmt wird. Freiheit ist hier nicht feierlich, sondern verletzlich. Sie muss behauptet werden.
Das macht den Band für heutige Leser so interessant. Wir sprechen oft über Freiheit, als sei sie selbstverständlich. Pacificos Gedichte erinnern daran, dass sie es nicht ist. Freiheit kann verboten, kontrolliert, verspottet, verfolgt werden. Und doch bleibt sie ein menschliches Grundbedürfnis. Wer diese Gedichte liest, begegnet keiner politischen Theorie, sondern Menschen, die nach Luft, Würde und Zukunft suchen.
Gegen die Müdigkeit der Gegenwart
Unsere Gegenwart ist voller Krisenbilder. Krieg, Flucht, Repression, Fanatismus, Armut, gesellschaftliche Härte – vieles davon erreicht uns täglich und droht gerade dadurch seine Erschütterung zu verlieren. Engagierte Literatur kann diese Müdigkeit nicht einfach aufheben. Aber sie kann den Blick verändern. Sie kann einzelne Stimmen wieder hörbar machen, wo Statistiken und Schlagzeilen abstrakt geworden sind.
Im Interview mit dem Verleger sagt Gino Pacifico: „Scrivere questi versi era importante perché il silenzio, in certi momenti, può diventare una forma di indifferenza.“ Dieser Satz trifft den Gegenwartsbezug des Buches genau. Schweigen ist nicht immer Ruhe. Manchmal ist Schweigen ein Wegsehen. Und manchmal braucht es Gedichte, um dieses Wegsehen zu unterbrechen.
Wer den historischen Hintergrund der Sammlung genauer kennenlernen möchte, findet dazu auch unseren Beitrag über Mahsa Amini, Cutro und die Wirklichkeit hinter den Gedichten. Denn die Aktualität dieses Bandes entsteht gerade daraus, dass seine Gedichte aus realen Ereignissen hervorgehen.
Was Europa in diesen Gedichten liest
Auch Europa ist in diesem Buch anwesend. Nicht als sicherer Ort moralischer Überlegenheit, sondern als Raum der Verantwortung. Die Gedichte über Flucht, Mittelmeer und Cutro stellen die unbequeme Frage, wie glaubwürdig unser Mitgefühl ist. Wer von Menschenrechten spricht, muss auch auf jene schauen, die an Grenzen, auf Booten und in Lagern um ihr Leben kämpfen.
So verbindet der Band Iran, Europa und Menschenwürde auf eine Weise, die nicht belehrend wirkt, sondern aufrüttelt. Die Gedichte sagen nicht, was der Leser denken soll. Aber sie machen es schwer, unberührt zu bleiben. Sie halten fest an einer einfachen, fast altmodisch klingenden Überzeugung: dass jedes Leben zählt, dass Würde unteilbar ist und dass Freiheit nie nur die Freiheit der anderen sein darf.
Eine Stimme für die offene Frage unserer Zeit

Insorge l’Iran - Iran erhebt sich ist deshalb mehr als ein Band über die Iran Proteste. Er ist ein Buch über die Zerbrechlichkeit der Freiheit in unserer Zeit. Über Frauen, die sichtbar werden. Über Menschen auf der Flucht. Über Gewalt, die sich religiös oder politisch tarnt. Und über die Frage, ob Sprache noch etwas bewahren kann, wenn die Welt zu laut geworden ist.
Gerade darin liegt seine heutige Bedeutung. Diese Gedichte erinnern daran, dass Menschlichkeit nicht automatisch bleibt. Sie muss geübt, verteidigt, ausgesprochen werden. Wer politische Lyrik, Literatur über Menschenrechte und zweisprachige Gegenwartsliteratur sucht, findet hier ein Buch, das nicht beruhigt, sondern wachhält. Mit Iran erhebt sich richtet Gino Pacifico den Blick auf den Iran – und zugleich auf die moralischen Fragen, die unsere Gegenwart an uns alle stellt.
Das Buch ist als gedruckte, kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-89-2) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-90-8) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.
