Mittelalter Liebesroman

Eine Schuld, die alles verändert – Der Auftakt der Rheinland-Saga

Manchmal braucht es nur eine einzige Nacht, um ein ganzes Leben aus der Bahn zu werfen – und eine einzige Begegnung, um eine Geschichte zu entzünden, die nicht mehr loslässt. Das Mädchen aus den Träumen ist der erste Band der Rheinland-Saga aus der Feder von Günter Krieger – und er beginnt mit einer Unruhe, die sich in die Seiten frisst.

Wir sind im Jahr 1278. Aachen ist keine pittoreske Kulisse, sondern ein aufgewühlter Ort, in dem Macht, Stolz und Gewalt ineinander greifen. In der Getrudisnacht entlädt sich der Konflikt zwischen Einheimischen und den Truppen des Grafen von Jülich, und mitten in dieses Gemenge gerät Martin Chorus, ein junger Patrizier, der sich im Kampf bewährt und zum gefeierten Helden wird. So beginnt eine Geschichte, die scheinbar nach klassischem Mittelalterroman klingt – doch Krieger dreht die Erwartungen früh und konsequent: Denn Heldentum ist hier nur eine Maske, hinter der das eigentliche Drama wartet.

Aachen und Jülich: Wenn Geschichte die Menschen verschlingt

„Das Mädchen aus den Träumen“ erzählt sein Mittelalter als soziale Ordnung, nicht als Folklore. Der Feldzug gegen Jülich, das Bündnisgeflecht der Fürsten, das geschwächte Königtum – all das ist mehr als Hintergrundrauschen. Es wirkt wie ein Druck, der auf Figuren lastet, bis sie Entscheidungen treffen, die sie später nicht mehr einholen können. Krieger verankert den Roman im Rheinland, in Städten wie Aachen und Jülich und im ländlichen Raum rund um Merode, und man spürt: Diese Orte sind nicht austauschbar. Sie sind Temperament, Mentalität, Enge und Möglichkeit zugleich – und genau daraus gewinnt die Rheinland-Saga ihren Atem.

Im Zentrum steht eine Liebesgeschichte – aber keine, die sich in ritterlichen Gesten auflösen ließe. Martin ist mit Irene Punt verlobt, eine Verbindung, die längst zwischen den Familien verabredet ist. Und doch lebt in ihm die Vorstellung eines anderen Mädchens, einer Traumgestalt, die ihn heimsucht, ohne dass er sie je wirklich fassen kann. Das ist nicht romantisch-verspielt, sondern gefährlich: eine Sehnsucht, die sich mit Krieg und Alkohol vermischt – und schließlich mit Gewalt.

Die folgenschwere Tat: Schuld als Motor, nicht als Dekor

Als Jülich fällt, kommt es im Wirtshaus „Zum Löwen“ zu dem Ereignis, das den Roman prägt. Martin wird Zeuge, wie Soldaten Eva, die Tochter des Wirtes, missbrauchen wollen. Er erkennt in ihr das Bild seiner Träume – und in einem Strudel aus Macht, Gruppendruck und Enthemmung wird er selbst zum Täter. Krieger macht daraus keinen „Schicksalskuss“, sondern den wunden Kern, um den alles kreist: Schuld und Sühne werden zum Antrieb, nicht zur Staffage. Eva trägt die Folgen, Martin trägt die Schuld – und beide sind dadurch miteinander verbunden, ohne dass diese Bindung je leicht oder „schön“ wäre.

Gerade hier entscheidet sich, ob Leserinnen und Leser bleiben: weil der Roman nicht ausweicht. Eva verliert Vater, Sicherheit, Ansehen und Verlobten; sie wird zur Projektionsfläche der Gerüchte und der gesellschaftlichen Härte. Und doch ist sie keine Figur, die nur erlitten wird. Sie muss handeln – und sie handelt. Wer tiefer in diese Figur eintauchen möchte, findet einen eigenen Blick darauf im Beitrag über eine starke Frauenfigur im Mittelalterroman.

Ein Neubeginn in Merode – und die Weite einer Familiensaga

Nach Jülich öffnet der Roman seine zweite große Bühne: das Land. Eva, schwanger und geächtet, versucht zunächst, das Gasthaus zu halten – doch die Stadt wendet sich ab. Sie verkauft, bringt ihr Kind zur Welt, überlebt nur knapp und verlässt Jülich. Auf einem Hof bei Weisweiler und später in Merode beginnt ein anderes Leben: härter, erdiger, weniger öffentlich – und gerade deshalb voller existenzieller Wahrheit. Der verwitwete Bauer Winand nimmt Eva und ihr Kind auf. Es gibt Hoffnung, aber keine billige. Es gibt Zuneigung, aber auch Neid, Lust, Bedrohung. Krieger setzt hier die Signatur einer großen Familiensaga: Er zeigt, wie ein einzelnes Ereignis Generationen prägt und wie sich Entscheidungen in Körpern und Biografien fortschreiben.

Und dann Martin. Er kann nicht vergessen, was er getan hat – und auch nicht, wen. Als er erfährt, dass Eva verschwunden ist, begreift er, dass das Kind seines Verbrechens zugleich sein eigenes sein könnte. Er täuscht den Tod vor und verlässt Aachen, um nach Merode zu gehen – in der Hoffnung auf eine Erlösung, die der Roman ihm nicht verspricht. Der Moment, in dem er ankommt und Eva gerade Winand heiratet, ist nicht nur melodramatisch. Er ist die logische Konsequenz einer Welt, in der man Fehler nicht zurückspulen kann.

Warum man nach dem letzten Kapitel nicht „zufrieden“ sein soll

Im Autoreninterview mit dem Verleger benennt Günter Krieger sehr klar, was beim Zuklappen dieses ersten Bandes bleiben soll: „Unruhe – ein gutes Wort dafür.“ Dieses eine Wort trifft den Kern der Rheinland-Saga. Denn „Das Mädchen aus den Träumen“ ist nicht darauf angelegt, uns zu beruhigen. Es will, dass wir weiterdenken: über Verantwortung, über die Brutalität von Gruppen, über weibliche Selbstbehauptung in einer mittelalterlichen Gesellschaft, die kaum Auswege kennt. Und es will, dass wir wissen: Die Geschichte ist nicht zu Ende – nicht historisch, nicht psychologisch, nicht erzählerisch.

Das Mädchen aus den Träumen – Cover Genau darin liegt die Sogkraft dieses Auftakts: Er verbindet deutsche Mittelaltergeschichte und rheinische Schauplätze mit einer tragischen Liebesgeschichte, die nicht „erlöst“, sondern bindet. Wer historische Romane aus dem Rheinland sucht, die dunkel, ernst und episch sind – und zugleich nah an ihren Figuren –, findet hier einen starken Einstieg. Und wer wissen will, wie es weitergeht, wird mit dieser Unruhe leben müssen – bis zum nächsten Band der Rheinland-Saga von Günter Krieger.

Das Buch ist als gedruckte, also kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-83-0) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-84-7) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.

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