Perestroika · Auge um Auge, Zahn um Zahn von João Cerqueira beginnt dort, wo viele Hoffnungsnarrative enden: nach dem Sturz der Diktatur. In Eslavien, einem fiktiven osteuropäischen Staat, kippt der Moment der Befreiung in eine neue Form von Bedrohung. Die Frage, die über allem steht, ist ebenso politisch wie existenziell: Was geschieht, wenn ein System zerbricht – aber die Gewalt bleibt?
Eslavien nach dem Umbruch: Freiheit als riskanter Neubeginn
Das realsozialistische Regime ist gefallen. Jahrzehntelang hatten Geheimpolizei, Überwachungsstaat, Propaganda und Zensur das Leben kontrolliert. Nun sprechen alle von Demokratisierung, von Neuanfang, von Perestroika. Doch in der Euphorie liegt ein blinder Fleck: Macht verschwindet nicht – sie verlagert sich.
Genau hier entfaltet der Roman seine besondere Kraft als politischer Thriller. Die alten Netzwerke bestehen fort, Loyalitäten bleiben undurchsichtig, und hinter den Versprechen einer neuen Ordnung wachsen Korruption und Opportunismus. Der Systemzusammenbruch wird nicht zum Happy End, sondern zum gefährlichen Übergangszustand.
Ein Roman aus vielen Perspektiven
Statt einem einzelnen Helden zu folgen, zeichnet Cerqueira ein vielschichtiges Panorama: Politiker, Sicherheitsleute, Künstler, Hinterbliebene. Jede Figur trägt ihre eigene Wahrheit, jede ihr eigenes Trauma. So entsteht ein literarisches Geflecht aus Machtmissbrauch, moralischem Verfall und ideologischem Konflikt.
Besonders eindringlich ist die Atmosphäre. Der Kalte Krieg ist offiziell vorbei – doch die Denkweisen wirken nach. Misstrauen, Angst und strategisches Schweigen prägen die Beziehungen. Der Roman zeigt, wie Totalitarismus nicht nur Institutionen deformiert, sondern auch Menschen.
Kunst als politisches Schlachtfeld
Ein zentrales Motiv ist die Kunst. Werke werden vereinnahmt, umgedeutet, instrumentalisiert. Erinnerung wird kuratiert, Geschichte neu geschrieben. In diesem Spannungsfeld zwischen Ästhetik und Macht wird deutlich, wie eng Kultur und Politik miteinander verflochten sind.
Gerade dadurch wird „Perestroika“ zu einem Zeitgeschichtsroman mit hoher Aktualität. Die Frage, wer über Vergangenheit bestimmen darf, ist kein abgeschlossenes Kapitel europäischer Geschichte. Sie ist Gegenwart.
Gerechtigkeit nach der Diktatur
Im Zentrum steht das menschliche Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Nach Jahrzehnten politischer Gewalt verlangen Opfer nach Aufarbeitung. Doch was bedeutet Gerechtigkeit in einem Staat, dessen Institutionen selbst kompromittiert sind? „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ wird zur moralischen Versuchung.
Der Roman stellt unbequeme Fragen: Darf Vergeltung dort beginnen, wo der Rechtsstaat schwach ist? Ist moralische Reinheit möglich, wenn alle verstrickt waren? Diese Fragen treiben die Spannung voran – nicht durch spektakuläre Action, sondern durch innere Konflikte.
Warum dieser politische Thriller aktueller ist denn je

In einer Zeit, in der demokratische Systeme erneut unter Druck geraten, wirkt Eslavien erschreckend vertraut. Der Roman zeigt, wie fragil politische Ordnungen sind und wie schnell sich Macht neu formiert. Das Buchcover – dunkel, kontrastreich, spannungsgeladen – unterstreicht diese Atmosphäre aus Bedrohung und moralischer Entscheidung.
„Perestroika · Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ist deshalb mehr als ein Roman über Osteuropa oder das Ende des Kalten Krieges. Es ist ein literarischer Thriller über Verantwortung, Erinnerung und die Gefahr, dass nach der Diktatur eine neue Form der Gewalt beginnt. Die eigentliche Spannung entsteht nicht nur aus dem politischen Umbruch, sondern aus der Frage, ob ein Land – und seine Menschen – wirklich frei werden können.
Das Buch ist als gedruckte, kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-79-3) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-80-3) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.
