Manche Menschen wirken gerade deshalb modern, weil sie sich ihrer eigenen Zeit nicht recht fügen wollen – und Amalie von Gallitzin gehört zu ihnen. In Die Judenfürstin von Ulrich Henze begegnen wir einer Fürstin, die gebildet, selbstbewusst und streitbar ist und im Münster des späten 18. Jahrhunderts ihren eigenen Vorstellungen vom Leben folgt. Gerade das macht sie faszinierend – und angreifbar.
Denn Amalie von Gallitzin lebt in einer Gesellschaft, in der Herkunft, Geschlecht und Stand den Platz eines Menschen weitgehend bestimmen. Sie aber interessiert sich für Philosophie und Bildung, pflegt Kontakte zu bedeutenden Gelehrten und Schriftstellern und wird zum Mittelpunkt eines Kreises, der über gesellschaftliche Reformen, Religion und die Ideen der Aufklärung diskutiert. Eine bequeme Persönlichkeit ist sie deshalb noch lange nicht.
Eine Fürstin jenseits höfischer Erwartungen
Die historische Amalie von Gallitzin hatte sich seit den 1770er-Jahren in Münster niedergelassen. Ihr Leben entsprach keineswegs selbstverständlich dem traditionellen Frauenbild der ständischen Gesellschaft. Bildung und Erziehung besaßen für sie einen hohen Stellenwert, ebenso der geistige Austausch mit anderen. Zu ihrem Umfeld gehörten Persönlichkeiten wie Franz von Fürstenberg, Friedrich Heinrich Jacobi und Friedrich Leopold zu Stolberg; auch Johann Wolfgang von Goethe besuchte sie 1792 in Münster.
Für Ulrich Henze war gerade diese Persönlichkeit der Ausgangspunkt des Romans. Im Interview mit dem Verleger sagt er: „Amalie von Gallitzin war eine überaus unkonventionell lebende Frau in einer Zeit voller strenger gesellschaftlicher Normen einerseits, Unsicherheiten und gesellschaftlicher Veränderungen andererseits.“
Damit ist der Konflikt bereits umrissen. Eine Frau, die sich Freiräume schafft, fällt auf. Eine Frau von hohem gesellschaftlichem Rang erst recht. Und wer auffällt, wird beobachtet.
Aufklärung, Glaube und Widerspruch
Es wäre allerdings zu einfach, Amalie zur modernen Frau im historischen Kostüm zu erklären. Gerade ihre Widersprüche machen sie interessant. Sie ist von den Erziehungsidealen der Aufklärung geprägt und zugleich tief religiös. Sie sucht geistige Freiheit und stellt gleichzeitig höchste moralische Ansprüche an sich und andere. Selbst innerhalb ihrer Familie entstehen Spannungen: Die erwachsenen Kinder beginnen, sich von der dominanten Mutter zu lösen.
Der Roman zeichnet deshalb keine makellose Heldin. Er zeigt eine Persönlichkeit, die lernen muss, auch die eigenen Fehler und Grenzen wahrzunehmen. Darin gewinnt die historische Figur literarische Nähe. Aus der berühmten Fürstin wird ein Mensch.
Wer verstehen möchte, in welcher politischen Welt diese Frau lebte, stößt unweigerlich auf das Münster des Jahres 1792 und die Folgen der Französischen Revolution. Denn die alte Ordnung, innerhalb derer Amalie ihren ungewöhnlichen Lebensweg gefunden hat, beginnt selbst zu wanken.
Eine Frau wird zum Gegenstand eines Gerüchts
Genau hier setzt die fiktive Haupthandlung von Die Judenfürstin an. In der ohnehin angespannten Stadt verbreitet sich die Behauptung, Amalie verstecke den jungen Juden Jakob Löw vor der Obrigkeit. Sie kennt ihn nicht. Dennoch reicht das Gerücht aus, um vorhandene Ressentiments mit der längst bestehenden Ablehnung ihrer Lebensweise zu verbinden.
Plötzlich zeigt sich, wie wenig gesellschaftliches Ansehen schützt, wenn eine Gemeinschaft beginnt, sich abzuwenden. Die Fürstin, die gewohnt ist, selbstbewusst aufzutreten und geistige Auseinandersetzungen zu führen, gerät in eine Situation, in der Argumente kaum noch etwas vermögen. Ausgerechnet ihre Unabhängigkeit wird nun gegen sie gewendet.
Was bleibt, wenn eine historische Figur lebendig wird?
Vielleicht liegt darin die besondere Stärke dieser Romanfigur: Amalie muss uns nicht sympathisch sein, um uns zu interessieren. Ihre Gelehrsamkeit und Eigenständigkeit stehen neben Strenge, hohen Erwartungen und familiären Konflikten. Gerade diese Ambivalenz verhindert, dass aus ihr eine bloße Projektionsfläche unserer Gegenwart wird.
So entsteht das Porträt einer Frau an einer Zeitenwende: einer Aristokratin zwischen Aufklärung, Religion und gesellschaftlichem Wandel, die Freiräume beansprucht, aber selbst keineswegs frei von den Vorstellungen ihrer Epoche ist. Und einer Frau, die erleben muss, wie schnell ein Ruf beschädigt werden kann, wenn Vorurteil und Gerücht zusammenfinden.
Für Dr. Ulrich Henze, selbst in Münster geboren und mit europäischer Kunst- und Kulturgeschichte vertraut, wurde diese ungewöhnliche historische Persönlichkeit deshalb zum Mittelpunkt seines Romans. In Die Judenfürstin begegnet uns Amalie von Gallitzin nicht als Denkmal, sondern als widersprüchlicher Mensch – und gerade dadurch als eine Frau, deren Geschichte mehr als zwei Jahrhunderte später noch neugierig macht.
Das Buch ist als gedruckte, kartonierte Ausgabe (ISBN 978-3-910347-93-9) und als EPUB (ISBN 978-3-910347-94-6) im Buchhandel oder hier im Verlagsshop erhältlich.
